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Mittwoch, 20. Februar 2019

Vom "Köpfchen ab" zum "Vater unser"

Alleine speisen ist manchmal schwierig
Im zentralen Indien hat man uns bereits vor dem Nordosten gewarnt. Man muss dort aufpassen, das sind Wilde, die fressen alles, sogar Hunde, und es ist auch gefährlich. Nicht länger als bis 4 Uhr Motorrad fahren, dann ins Hotel und nachts am besten dort bleiben. Vom Campen wurde uns allgemein abgeraten.
Als wir nun Shillong Richtung Südosten nach Haflong verlassen, fahren wir zum ersten Mal richtig in die Gegend, wo angeblich die berüchtigten Tribals wohnen. Die Straßen werden auch schon nach wenigen Kilometern immer kleiner und schlechter, bis wir am Ende wieder auf Dreckstraßen fahren. Zur Mittagszeit kommen wir völlig eingestaubt in ein kleines Dorf und bestellen uns Nudeln in einem Straßenrestaurant. Es dauert nicht lange, dann haben wir ca. 20 Leute um uns herum am Tisch sitzen. Die meisten schauen uns nur an, da sie auch kein Englisch sprechen. Ein Erwachsener ist ziemlich betrunken und versucht mit uns zu reden, ein kleiner Junge kann ein bisschen Englisch und muss ständig übersetzen, bis er auch keine Lust mehr hat und ein Mädel kann wohl Englisch, aber traut sich nicht so recht. Auf alle Fälle haben wir schon entspannter zu Mittag gegessen.

Campen ohne GeisterDie Straße nach HaflongAls ich danach noch etwas zum Frühstück und Abendessen kaufen will, begleitet mich ein junger Mann stolz über den Markt und hilft mir beim Tragen und Einkaufen, während Miriam bei den Mopeds wartet. Als ich zurück komme, steht das Kind in einer Menschentraube und zwei ältere Männer unterhalten sich mit ihr. Einer ist wohl so etwas wie der Stammeshäuptling. Viel verstehen können wir leider nicht, aber wir bräuchten keine Angst haben, da wir hier sicher sind - ist alles Tribal Gebiet.
Als wir uns verabschieden und wieder aus dem Dorf fahren, sind wir ganz froh wieder etwas unsere Ruhe zu haben. Es dämmert bereits und wir suchen wieder nach einem Zeltplatz. Neben einer ganz guten Stelle halten wir an und beraten uns kurz. Ein paar Einheimische fragen, ob sie uns helfen können. Wir machen ihnen in Zeichensprache klar, dass wir hier ein Zelt aufschlagen wollen. Leider meinen sie, dass das Geister Gebiet ist und wir das nicht tun sollten. Um die Geister nicht zu verärgern, fahren wir daher eben ein paar Kilometer weiter und finden schließlich eine Lichtung etwas abseits der Straße für unser Nachtlager.

Bei den Tribals in Haflong auf dem Kirchplatz
Achtung Handtaschendiebe, oder was?Nach vielen weiteren schönen aber auch staubigen Kilometern erreichen wir am nächsten Mittag Haflong. Zunächst fällt uns hier jede Menge Polizei auf. Nachdem wir auf dem Markt etwas zu Essen gekauft haben, bemühen wir uns wieder einen Schlafplatz zu finden. Die Hotels sind leider alle ziemlich teuer. Wir suchen daher wieder einen Platz für unser Zelt, aber das starke Polizeiaufgebot kommt uns etwas unangenehm vor. Daher fahren wir nur zum Stadtrand und biegen in eine kleine Schotterstraße ein, bis wir plötzlich in einem kleinen Dorf vor einer Kirche stehen. Der Fläche vor der Kirche wäre perfekt für unser Zelt. Zwei Männer auf einem Motorrad kommen vorbei und ich frage nach, ob wir hier Campen dürften. Nach einem kurzen Telefonat mit dem Stammes-Chef bekommen wir grünes Licht. Als wir Aufbauen schauen uns immer mehr Dorfbewohner dabei zu. Der Stammes-Chef kommt natürlich auch vorbei und auch noch jede Menge weitere Leute mit einer wichtigen Position im Dorf. Alles wird genau begutachtet, Selfies gemacht, wir bekommen Essen angeboten, Leute wollen uns Feuerholz bringen, weil es so kalt ist und zum Gottesdienst werden wir auch eingeladen. 
Als es dunkel ist, lassen sie sogar nach dem Gottesdienst das Licht vor der Kirche an, damit wir nicht im Dunkeln zelten müssen. 
Am nächsten Tag machen wir uns schließlich auf nach Kohima, der Hauptstadt von Nagaland. Auf dem Weg dorthin sehen wir immer wieder seltsame Straßenschilder. Es sieht aus wie ein Bösewicht, der eine Handtasche geklaut hat und sich damit vom Acker macht. Das kommt uns äußerst seltsam vor, da in dieser Gegend fast nichts ist und wir eigentlich völlig in der Pampa sind. Später wird uns lachend erklärt, dass das angeblich so etwas wie " Achtung, Schüler und Studenten überqueren die Straße" heißen soll.
In Diphu müssen wir uns wieder um eine Übernachtung kümmern. Ein junger Mann wird auf uns aufmerksam, als wir Eier und Gemüse an einem Straßenstand einkaufen. Er ist Christ, betont er immer wieder, und wir seien ja vermutlich auch Christen, da wir aus Europa kommen. Das sei gut und wir müssen keine Angst haben. Er als Christ hilft uns natürlich einen Schlafplatz zu finden und wir haben Glück nicht an einen Hindu oder Moslem geraten zu sein - die sind nämlich gefährlich. Angetrunken ist er leider auch noch. Ich habe schon die ersten Falten auf der Stirn und würde gerne wieder ohne seine Hilfe verschwinden, aber er ist nun maximal motiviert seinen "Glaubensbrüdern" aus der "Patsche" zu helfen.

Unser Schlafplatz bei der "Kirche"Unser christliches AbendessenLetztendlich muss ich ihn mit auf mein Motorrad nehmen und wir fahren zu einer Kirche, wo wir schlafen könnten. Auf dem Weg dorthin kommen wir beim Anwesen seiner Oma vorbei und müssen diese natürlich besuchen. Kurze Zeit später ist auch schon entschieden, dass wir zum Abendessen eingeladen sind. Eine Wahl haben wir schon lange nicht mehr. Außerdem kommt noch sein Onkel und sein Bruder vorbei. Nach einem ganzen Tag Fahrt ist es für uns langsam ziemlich anstrengend und das wird auch nicht besser als er mir eine Bibel in die Hand drückt, die ich lesen soll, während ich auf das Essen warte. "Mein Freund, ich bin müde und die Bibel ist in - keine Ahnung was für einer Sprache", will ich ihm klarmachen. "Das sind doch lateinische Buchstaben" - "ja schon aber..." - "dann kannst du es doch lesen" - "ja lesen schon aber..." - "na also, lies doch einfach!". Also tue ich halt so, als ob ich die Bibel lese. Ich habe ja sowieso keine andere Wahl. 
Zwanzig Minuten später kommt glücklicherweise sein Onkel und ich bin vom "Bibelfluch" befreit. Er ist sehr nett und auch nicht betrunken. Die Schwester kocht uns ein tolles Abendessen und nachdem wir ein ausgiebiges Tischgebet absolviert haben, dürfen wir es auch essen. Anschließend werden wir endlich zur "Kirche" gebracht, wo wir unser Zelt aufschlagen dürfen. Die Kirche ist dabei eher eine Scheune in einem Dorf, wo sie wohl manchmal Gottesdienste abhalten. Für unser Zelt ist der Platz allerdings perfekt und wir sind froh, als wir endlich im Bett liegen und schlafen dürfen.
Am nächsten Morgen werden wir noch ohne Widerrede zum Frühstück eingeladen. Unser "Glaubensbruder" ist nicht mehr dabei - vielleicht hatte er doch zu tief ins Glas geschaut? Uns war es so lieber, denn der Rest der Familie war sowieso viel netter und vorallem angenehmer.

Die Hauptstraße nach KohimaAls wir uns verabschieded haben, rollen wir zuerst auf einer Straße, die eher einem Feldweg gleicht, nach Dimapur.
Die Hauptstraße von Dimapur nach Kohima wird gerade vergrößert und ist das staubigste Fleckchen Erde, das wir jemals gesehen haben. Teilweise fährt man durch 30 Zentimeter Staub. Es fühlt sich an wie im Sand, was erst einmal gar nicht so schlimm wäre. Leider besteht aber die komplette Passstraße aus LKW Stau, die natürlich alles aufwirbeln. Falls jemand die Motocross Ralley Szene im Film "Fear and Loathing in Las Vegas" kennt - das beschreibt die Situation hervorragend. Die Sicht ist teilweise unter 5 Meter und das Ganze zieht sich so über zwei Stunden. Als wir auf der Passhöhe ankommen sind wir heilfroh, dass sich der Verkehr etwas lichtet und es weniger staubig wird. In Kohima angekommen sehen wir schließlich aus, wie nach einer Ralley Dakar.

Unser Campingplatz bei Kohima
Kohima ist einfach eine Stadt und es gibt nicht wirklich einen Grund für uns dort zu bleiben. Wir fahren daher zu einem Ort etwas außerhalb, welchen wir zuvor im Internet gefunden hatten. Es ist ein großer Parkplatz und ganz am Ende steht ein kleines Bambus Vordach. Wir stellen unser Zelt und die Mopeds direkt hinter das Bambus Hüttchen, damit man uns nicht gleich sehen kann. Der Ort ist nicht schlecht - etwas viel Müll, aber daran gewöhnt man sich in Indien. Dafür ist es ruhig, wir haben das kleine Bambus Vordach bei Regen, es gibt mobilen Internet Empfang, Wasser zum Filtern und sogar ein kleines Restaurant nicht weit entfernt. Eigentlich wollen wir in das nahe gelegene Dzukou Valley wandern, aber das Wetter spielt mal wieder nicht mit. Es droht zu regnen und daher beschließen wir zwei Tage hier zu zelten, bis wieder Sonnenschein angesagt ist.
Nachdem das Wetter wieder besser geworden ist, nehmen wir eines der vielen Homestays am Straßenrand. Die nette Besitzerin erlaubt uns auch unsere Motorräder während unserer Wanderung für eine Nacht stehen zu lassen. Am nächsten Tag brechen wir dann mit Campingausrüstung bewaffnet auf ins Dzukou Valley.
Es gibt zwei Hauptwege in dieses Tal. Der einfachere Zustieg beginnt weiter südlich in Viswema. Dort kann man sich schon ziemlich weit mit Jeeps hochfahren lassen, bevor die eigentliche Wanderung beginnt. Die zweite Route startet von Zakhama und ist für ihren anstrengenden Aufstieg bekannt. Am Morgen unserer Wanderung ist allerdings irgendein Streik und es dürfen keine Fahrzeuge fahren. Daher laufen wir die paar Kilometer zu Fuß nach Zakhama und nehmen die harte Route.

Blick ins Dzukou ValleyTausende Treppen durch den UrwaldDas Wetter ist wieder wunderschön sonnig und warm. Eine kleine Straße schlängelt sich von der Hauptstraße zunächst ein paar Kilometer in ein Nebental. Dann beginnt der eigentliche Aufstieg über tausende von Treppenstufen. Genauer gesagt sind es ca. 1000 Höhenmeter mit Stufen. Wer auch immer diese Steinstufen dort einst angebracht hat, hat unseren vollen Respekt - das muss Jahrzehnte gedauert haben. Die Wanderung führt mitten durch den Urwald und wir sind völlig alleine unterwegs. Solange die Sonne noch durchdringt ist es angenehm warm, aber sobald sie dann hinter dem Berg verschwunden ist, wird es bitter kalt. Nach vielen anstrengenden Stufen mit meinen jammernden Kind "Lord Gummifuß", erreichen wir nachmittags schließlich den höchsten Punkt auf 2700m. Dort scheint zum Glück noch etwas die Sonne und wir können uns wieder etwas aufwärmen. Der Ausblick auf das Tal ist grandios. Was zunächst wie grüne Wiesen aussieht, ist eigentlich eine Art Bambus mit etwa der Größe einer ausgewachsenen Person. Da gerade Trockenzeit ist, ist es leider nicht so saftig tiefgrün wie zur Regenzeit. Dafür gibt es jetzt gerade praktisch keine Touristen, was natürlich auch seinen Vorteil hat.
Es gibt eine kleine Hütte mit Übernachtungsmöglichkeit und angeblich soll man da auch etwas zu Essen bekommen. Damit haben wir aber weniger Glück und müssen uns für den Abend mit Chips abfinden. Unser Zelt stellen wir direkt neben einen Hubschrauberlandeplatz, da man sonst überall nur den Bambus findet, wo es kaum möglich ist ein Zelt zu platzieren.

Die Restaurant Crew von Majons SchwesterAm nächsten Morgen wandern wir wieder zurück ins Tal über die einfachere Route nach Viswema. Als wir wieder in unserem Homestay ankommen, wird uns erklärt, dass in unserem nächsten Reiseziel, der Stadt Imphal, gerade Demonstrationen sind und die Stadt gesperrt ist. Daher beschließen wir nochmals zwei Tage an dem Platz zu campen, wo wir bereits drei Tage zuvor unser Lager aufgeschlagen hatten.
Die Straße nach Imphal ist auch staubig, aber lange nicht mehr so schlimm wie die Strecke nach Kohima. Auf dem halben Weg überholt uns plötzlich ein Motorradfahrer und will sich mit uns unterhalten. Mayon kommt ursprünglich aus Imphal, besucht dort seine Familie und fährt für ein Videoprojekt in ein kleines Tribal Dorf nahe der burmesischen Grenze. Er lädt uns herzlich ein ihn zu begleiten, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen wollen.
In Imphal besuchen wir zuerst das Restaurant seiner Schwester und bekommen einen hervorragenden Apfelkuchen und eine Schokoladentorte serviert. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen in einem Gasthaus in Deutschland zu sitzen. Mayon erklärt uns, dass westliches Essen in Manipur und Nagaland sehr "in" ist. 
Für die Übernachtung fahren wir anschließend zum Haus seiner Eltern. Es gleicht eher einem Herrenhaus und liegt auf einer Anhöhe etwas am Rand der Stadt. Unser Zelt dürfen wir nicht aufschlagen. Wir bekommen ein eigenes Zimmer und werden zum Abendessen nochmals von seiner Schwester bekocht.

Spaziergang in Poi
Eines der letzten traditionellen HäuserNach dem Frühstück am nächsten Tag, wieder im Restaurant seiner Schwester, fahren wir Richtung Nordosten zu dem kleinen Dorf namens Poi. Hier stehen einige der letzten erhaltenen Tribal Häuser, was dieses Dorf zu etwas Besonderem macht. Die Tribal Dörfer in Nagaland und Manipur sind berüchtigt für ihre Kopfjäger. So haben sich die Dorfbewohner noch vor gar nicht so langer Zeit gegenseitig die Köpfchen abgeschlagen und sie nach Hause getragen, um sie daheim im Trophäenregal stolz präsentieren zu können. Durch diesen Brauch waren die Dörfer auch sehr isoliert und so hat fast jedes Dorf seine eigene Sprache entwickelt. Dann kamen die Missionare und haben die Eingeborenen christianisiert, was dazu geführt hat, dass die Bräuche, samt Trophäen und ursprünglichen Häusern fast verschwunden sind. Übrig geblieben sind "strengstgläubige" Baptisten die das Christentum sehr ernst nehmen. Uns kommt das ziemlich schräg vor - da sind wir in einer extrem abgelegenen Gegend der Welt und müssen vermutlich mehr christliche Gebete sprechen, als in einem europäischen Nonnenkloster.

Kochstelle in einem traditionellen Naga Haus
Traditionell Popcorn machen auf dem FeuerDie Dorfbewohner sind äußerst nett zu uns, obwohl hier vermutlich kaum Touristen vorbeikommen dürften. Wir werden durchs Dorf geführt und bekommen die letzten traditionellen Häuser gezeigt. Schlafen dürfen wir in der "Dorf Konferenzhalle" und die Frau des Dorfchefs macht sogar Popcorn auf dem Feuer. Zum Essen gibt es traditionelle Mahlzeiten, d.h. natürlich Reis mit Gemüse und Fleisch. Das Ganze wird dann gewürzt mit der weltbekannten King Chili, welche auch Ghost Chili oder Bhut Jolokia genannt wird. Diese Chili gilt als eine der schärfsten Sorten der Welt. Miriam und ich können wirklich scharf essen und haben normalerweise nirgends auf der Welt Probleme mit der Schärfe. Hier in Nordost Indien kommen wir uns allerdings vor wie zwei wehleidige Chili Mimöschen. Öfters kann man die Mahlzeit eigentlich schon nicht mehr essen und sie würzen dann nochmals mit Chili nach, während sie dir erklären, dass sie ein Mittel gegen Magenbluten hätten, falls es benötigt wird - danke fürs Gespräch! Jeder der behauptet richtig scharf essen zu können, sollte evtl. mal einen Urlaub in Nagaland/Manipur verbringen und den ultimativen Test machen. Was Chilis betrifft sind die Nagas definitiv völlig irre!
Wir bleiben zwei Nächte bevor wir wieder nach Imphal zurückfahren. Mayon gibt uns noch einen Biker Kontakt, welcher uns dort gleich abholt und zu sich nach Hause einlädt. Am nächsten Morgen werden wir gleich wieder von Biker Club Mitgliedern durch die Stadt geführt und bekommen den Loktak See gezeigt. Dort werden für die Fischerei überall künstliche Ring Inseln angelegt, was dem See sein unvergleichliches Aussehen verleiht. Am See schließen sich uns dann noch drei weitere Jungs vom Bikerclub an und so fahren wir dann wie eine kleine Rockergang am Seeufer entlang. Zum Mittagessen gibt es dann auch ohne Ausrede Bier. Zudem wird mir erklärt, dass ich als richtiger Biker eigentlich auch rauchen muss. Das Bier nehme ich gerne an, aber die Zigarette will ich dann doch nicht haben - bin halt nur ein halber Biker.

Bereit zum Essenfassen im WaisenhausDie ringförmigen Inseln im Loktak SeeDer anliegende Nationalpark ist an diesem Tag geschlossen, aber die Jungs meinen, dass man von der Rückseite auch einfach reinlaufen kann. Gesagt getan - so nehmen wir den Nationalpark halt auch noch mit. Kostenlos war er ganz nett, aber mit normalem Eintrittspreis hätte sich das definitiv mal wieder nicht gelohnt.
Als wir dann abends wieder zurück in Imphal sind, werden wir zum Abendessen in ein Waisenhaus mitgenommen. Die Familie unseres Gastgebers spendet dort für diesen Abend das Essen und so sitzen wir dann mit vielen Kindern auf dem Boden und futtern.
Am nächsten Tag müssen wir zur Grenze nach Myanmar fahren. Myanmar dürfen wir nur mit einer geführten Tour durchqueren und diese beginnt am darauffolgenden Tag. Unser Indien Visum wäre noch einen Monat länger gültig gewesen, aber Aufgrund der strengen Regelung für Myanmar, müssen wir das Land eben leider einen Monat früher verlassen. 
Zwei Jungs vom Biker Club wollen uns noch die 150 Kilometer bis zur Grenze begleiten. Sie wollen sicher gehen, dass wir gut ankommen, organisieren uns dort ein günstiges Hotel und wollen letztendlich auch etwas von den günstigen Alkoholpreisen an der Grenze profitieren.
Moreh ist eine typisch hässliche Grenzstadt. Hier gibt es wirklich absolut nichts zu sehen und wir sind dann ganz froh am nächsten Tag mit unserer Reisegruppe nach Myanmar weiter zu fahren.
Nach über drei Monaten in Indien verlassen wir eines der vielseitigsten Länder der Welt. Indiens Biker Szene ist wirklich außergewöhnlich und einzigartig. Egal wo man sich befindet, wird man als Biker stets mit offenen Armen empfangen.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Wintergefühle

Siliguri ist keine besondere Stadt, aber auf dem Weg in den Nordosten kommt man ohnehin unweigerlich daran vorbei. Wir werden wieder von einem indischen Biker herzlich empfangen und verbringen dort eine Nacht in einem kleinen Gasthaus. Gleichzeitig bekommen wir auch jede Menge nützliche Vorschläge für den Nordosten Indiens.

Campen bei Tiger HillDie Passstraße nach DarjeelingEtwas nördlich von Siliguri geht es gleich wieder in die Berge und man kommt in das weltbekannte Darjeeling. Da wir ja mittlwerweile Teetrinker sind, können wir das natürlich auch nicht auslassen. Die kleine Passstraße führt viele Kilometer weit zwischen Teeplantagen in die Berge. War man in Siliguri vorher fast noch auf Meerehöhe, steht man 60 Kilometer nördlicher in Darjeeling bereits schon wieder auf 2000m. Der Ausblick und die Landschaft ist klasse - unser Ziel leider weniger toll.
Darjeeling selbst ist nicht groß, aber verkehrstechnisch ist dort die Hölle los. Die Hauptstraße ist klein und komplett verstopft. Nachdem wir über eine halbe Stunde vergeblich versuchen überhaupt einmal irgendwo anzuhalten, beschließen wir besser einen Platz für unser Zelt zu suchen und das Städtchen wieder schnellstmöglich zu verlassen. In der Nähe gibt es einen Aussichtspunkt namens Tiger Hill und etwas weiter unterhalb finden wir einen schönen Platz für unser Nachtlager. Angeblich gibt es hier fantastische Sonnenaufgänge, aber leider ist das Wetter zu schlecht und von der Sonne ist nicht wirklich viel zu sehen.
Nach dem Frühstück brechen wir auf, um trotz Nebensaison noch weiter nördlich nach Sikkim zu fahren. Wir wissen, dass es nicht die beste Jahreszeit dafür ist, wollen unser Glück aber trotzdem versuchen. Der Himmel sieht immer mehr nach Regen aus. In Rangpo ist die Grenze nach Sikkim und wir müssen für diese Region eine Permit beantragen. Als wir eine Stunde später wieder mit unserem Erlaubnisschein aus dem Grenzgebäude kommen, regnet es bereits kräftig. Die restlichen Kilometer nach Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim, werden wir richtig schön durchgeweicht und es wir auch wieder unangenehm kalt.

Das Kind in der Innenstadt von GangtokBlick auf GangtokSikkim ist ungewöhlich sauber und modern. Überall hängen Schilder die auffordern keinen Müll wegzuschmeißen oder Plastiktüten zu vermeiden. Auf den Straßen ist kein beklopptes Gehupe und Gedränge und die Menschen hier sind angenehm enspannt und unaufdringlich. Es ist hier so ganz und gar nicht wie der Rest von Indien.
Das Wetter wird die nächsten zwei Tage leider nicht wirklich besser. Wir erkundigen uns daher bei der Touristeninformation über die Wetterbedingungen weiter nördlich, wo wir eigentlich hinfahren wollten. Die Auskunft ist ernüchternd - alle Straßen sind wegen Schneefall gesperrt. Auch weiter nach Osten gibt es im Moment kein Durchkommen mehr. Dem Risiko waren wir uns vorher zwar bewusst, aber wir hatten eben gehofft trotzdem dorthin fahren zu können.
Etwas traurig besuchen wir am nächsten Tag noch den Hanuman Tok Tempel, von wo aus bei gutem Wetter einen Blick auf die höchsten Gipfel der Erde in Nepal möglich ist. Auch hier spielt leider das Wetter nicht mit und der Gipfel des Kanchendzonga ist von grauen Wolken verdeckt.

Große Gebetsrollen im Tempel von LavaBlick auf das Örtchen LavaAuf dem Rückweg in den Süden fahren wir weiter östlich zum Neora Valley Nationalpark und übernachten im kleinen Ort Lava. Erstaunlicherweise sieht es hier teilweise fast aus wie im Schwarzwald. Trotz des Ortsnamens ist es leider auch, sobald die Sonne untergeht, bitter kalt wie im Schwarzwald. Geheizt wird hier in Indien nicht und so verbringen wir wieder einmal eine Nacht mit vielen Wolldecken und unseren Daunenschlafsäcken im Hotelzimmer. 
Tags darauf suchen wir den Eingang zum Nationalpark. Der ist erst einmal nicht ersichtlich und nachdem wir ein paar Einheimische gefragt haben, werden wir in eine Art Rangerstation geschickt. Nachdem wir ihnen mit Händen und Füßen erklärt haben, dass wir gerne etwas im Nationalpark wandern würden, bekommen wir gesagt, dass wir nur mit Guide in den Park dürfen und auch nur für eineinhalb Stunden. Das Ganze würde dann ca. 17 € kosten. Wir lehnen dankend ab und gehen etwas genervt zurück zum Hotel. Stattdessen besuchen wir den nahegelegenen Tempel und wandern zu einem kleinen Nachbardorf. Die Gegend ist sehr schön und es gibt hier fast keine Menschen, aber der Nationalpark taugt mal wieder nichts.

Buxa Wildlife Sanctuary - die Berge im Hintergrund sind bereits BhutanÜberall sind große TeeplantagenNach dem Frühstück rollen wir wieder aus den Bergen nach Alipurduar. Dort wollen wir einen letzten Versuch unternehmen doch noch einen indischen Nationalpark zu sehen. Unser Ziel ist das nahe gelegene Buxa Wildlife Sanctuary, wo man wohl neben Nashörnern und Elefanten theoretisch auch Tiger sehen kann. Am Eingang ist wie üblich eine Schranke und ein Schild, welches zeigt, dass es sich um einen Nationalpark handelt. Die Eintrittsgebühr ist für Ausländer mal wieder ein Vielfaches, aber das sind wir ja schon gewohnt. Im Park selber wissen wir erst einmal gar nicht wohin man fahren muss. Nach einigen Kilometern kommt wieder eine Schranke und ein paar "Ranger" Jungs spielen dort mit ihren Smartphones und warten auf Kundschaft. Wir fragen nach wo man hier jetzt loswandern kann. Nachdem wir schon etwas ungläubig angeschaut werden, vermuten wir schon nichts Gutes. Man müsse hier eine Tour buchen, sonst darf man gar nichts machen. "Elefantenreiten oder Jeeptour?" - "Häh, wir wollen keine Tour, sondern wandern gehen" - "Wandern geht nicht, man benötigt eine Tour" - "Und für was zum Teufel war dann die Eintrittsgebühr für den Park?". Wir fahren noch ein paar Meter weiter und halten dann an einer Wendefläche direkt neben einem großen Flußbett. Genervt steigen wir vom Moped und beobachten wo die Jeeptouren entlang fahren. Diese scheinen einfach das Flußbett zu überqueren und auf der anderen Seite dem Fluß entlang nach Norden zu folgen. Einheimische laufen hier auch überall herum und als ich nachfrage meinen diese, dass es auch in Ordnung wäre, wenn wir auf dem Flußbett herum laufen würden. Daher lassen wir unser Moped stehen und folgen den Jeeps einfach zu Fuß. Nach ein paar Kilometern holen wir die Jeeps ein, welche alle an einem Wasserfall parken. Sonst gibt es hier noch ein paar Essensstände und einen kleinen Schrein in einer Höhle - insgesamt nichts wahnsinnig Besonderes. Wildtiere gibt es natürlich keine, was vielleicht auch daran liegen kann, dass dutzende Jeeps mit laut schallendem Bollywood Sound hier den ganzen Tag hin und her brausen? Letztendlich war unsere Wanderung dann noch ganz nett. Trotzdem haben wir beschlossen, dass das unser letzter Nationalpark Versuch in Indien war. Wir haben es bestimmt an fünf Parks versucht. Immer ist es für Ausländer sehr teuer, eigentlich benötigt man immer eine Tour (Elefant oder Jeep), Informationen zum Park gibt es so gut wie keine, und was ein Visitor Center ist, wissen die Inder vermutlich überhaupt nicht. Im Grunde genommen besteht ein indischer Nationalpark aus einem gesperrten Gebiet und einer Zahlstelle für spaßige Jeep- und/oder Elefantentouren.

Root Bridge bei CherrapunjiLiving on the edgeDie nächsten zwei Tage reisen wir nach Shillong in Meghalaya. Meghalaya ist eine der regenreichsten Regionen der Welt und wir sind daher ganz froh, dass gerade Trockenzeit ist. Ganz in der Nähe gibt es einen kleinen Ort namens Cherrapunji, welcher für seine "Living Root Bridges" bekannt ist. Die Einheimischen haben hier mit Hilfe der Luftwurzeln von Bäumen über Jahrzehnte Brücken geformt und diese sind einmalig auf der Welt. Die Wanderung zu den Brücken startet in Tyrna und geht zuerst einmal hunderte Treppenstufen ins Tal. Dort angekommen sehen wir zum ersten Mal in Indien glasklares Flußwasser - das gibt es dort normalerweise nirgends. Die beiden großen Brücken darf man nach einer kleinen Gebühr betreten und als absolutes Highlight - hier gibt es auch noch keine Touristenpreise. Mittlerweile sind hier zwar auch viele Menschen unterwegs, aber alleine die Wanderung mit dem schönen Ausblick und die dichte Vegetation im Tal, macht es einen Besuch wert.
Nachts ist es auch in Meghalaya wieder kalt und leider ist das Wetter wechselhaft. Daher verbringen wir noch zwei Nächte in Shillong, um uns selbst und unsere Wäsche zu waschen, bevor wir uns auf den Weg in den "richtigen" Nordosten machen.

Montag, 28. Januar 2019

Back to the Bikes

Nach fast zwei Monaten ohne unsere Motorräder, sind wir dann doch froh, als wir in Lucknow zurück sind und wieder einen fahrbaren Untersatz haben. Bablaa ist so nett uns spät nachts noch vom Flughafen abzuholen. Es ist wirklich im Vergleich zum Süden bereits bitter kalt.
Wir kommen wieder im selben Hotel unter und spendieren unseren Bikes am nächsten Tag erst einmal einen Satz neue Reifen. Ich hatte Bablaa bereits zuvor gebeten zwei Sätze zu bestellen. Das war auch bitter nötig. Wir fahren für den Reifenwechsel an eine der vielen Straßen Service Ständchen in der Stadt. Bablaa meint das wäre gut. Ich bin mir beim Anblick noch nicht so sicher, aber gut - die machen den ganzen Tag nichts Anderes und sollten ihr Handwerk verstehen.

Eine fragwürdige KonstruktionWir stellen unsere Bikes ab und die Jungs machen sich daran zu schaffen, während wir erst einmal gemütlich einen Tee trinken. Als ich dann wieder zu meinem Motorrad blicke, trifft mich fast der Schlag und ich kann gerade noch verhindern, dass der "Mechaniker"-Bub mit seinem vollem Gewicht auf den Schraubenschlüssel springt, da er meine vordere Steckachse nicht lösen kann. Der Depp hat die Klemmschrauben nicht gelöst und wollte die Achse einfach direkt rausschrauben, was natürlich nicht geht. Wieder etwas beruhigt, widme ich mich wieder meinem Tee. Um das Vorderrad herauszunehmen, balanciert er letztendlich das komplette Motorrad auf drei wackeligen Steinchen. Dass der Bremssattel eventuell hinüber ist, wenn das Motorrad von der fragwürdigen Konstruktion kippt, scheint dem Bub nicht bewusst zu sein. Miriam stellt sich dann lieber mal daneben um im Notfall eingreifen zu können. 

Ein Profi beim ReifenwechselMeinen Tee habe ich in der Zwischenzeit auch besser zur Seite gestellt, um das Treiben etwas genauer beobachten zu können. Was ich dann zu sehen bekomme, ist wahrscheinlich die schrecklichste Laufradvergewaltigung in der Geschichte des Motorrads. Die schön eingefettete Steckachse, die Muttern und die Lagerkappen liegen mitten im Dreck. Die Felge mit den halboffenen Lagern hat er ebenso in den Dreck gelegt, während er auf ihr steht und mit Hammer und Meisel/Brechstangen-Reifenheber versucht den Reifenwulst in die Felgenmitte zu bekommen. Ich weiß nicht, ob ich heulen, schreien oder eingreifen soll - aber will eigentlich gleichzeitig nicht unhöflich sein. So verharre ich halt zähneknirschend und hoffe auf das Beste. "Junge, das ist eine Alufelge, keine 20€ China Stahlfelge und die Lager waren wunderbar, bevor du sie in die Hände bekommen hast", wimmere ich vor mich hin. Irgendwann hat er es dann tatsächlich geschafft und die Felge scheint einigermaßen unbeschadet davongekommen zu sein. Beim Einbau vergisst er natürlich gleich mal wieder die Klemmschrauben der Steckachse anzuziehen.
Dem Hinterrad ergeht es nicht viel besser. Beim Einbau setzt er es dann völlig schief ein und bekommt natürlich die Steckachse nicht mehr vernünftig eingeschoben. Als er letztendlich zum Hammer greift, muss ich dann doch etwas unfreundlich einschreiten und mache es lieber selbst. 
Bei Miriams Motorrad lief es nicht ganz so schlimm. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass ich in Indien niemals mein Motorrad in eine Werkstatt geben werde, ohne daneben stehen zu bleiben. Diese Meisterleistung der Handwerkskunst wird mir wohl noch monatelang Albträume bereiten. Das einzig Positive an der Geschichte war - die Laufräder scheinen es überlebt zu haben und gekostet hat es eigentlich nichts. Nächstes Mal mache ich es aber definitv selbst.
Am Abend zeigt uns Bablaa ein Restaurant, welches von Frauen betrieben wird, welche Opfer von Säureattacken sind. Das scheint in ganz Indien ein Problem zu sein, wird uns erklärt. Am Anfang fühlen wir uns etwas unwohl, da wir uns wie bescheuerte Touri-Gaffer vorkommen. Letztendlich ist es aber sehr nett und die Frauen scheinen sich auch über fremde Gäste zu freuen. 
Tags darauf packen wir unsere Sachen und sind endlich wieder auf zwei Rädern unterwegs. Unser Ziel ist die heilige Stadt Varanasi am Ganges, auch Stadt der Toten genannt. Der Straßenzustand und der Verkehr dorthin ist leider eine absolute Katastrophe. Die Fahrweise der Inder hier ist oft nicht mehr lustig, sondern einfach nur noch fahrlässig und unverschämt. Man könnte fast meinen, es ist ihnen scheißegal, wenn sie dich über den Haufen fahren oder man in den Graben fliegt. Wir kommen dementsprechend ziemlich müde in Varanasi an, finden aber ein schönes Gasthaus mit direktem Blick auf den Ganges.

Die Hunde lassen sich von den Geschehnissen nicht störenBlick auf eines der großen Ghats, wo die Toten verbrannt werdenVaranasi ist die heiligste Stadt im Hinduismus und es ist der Wunsch eines jeden Hindus am Ende seines Lebens an diesem Ort beigesetzt zu werden. Die Stadt ist voll kleiner Gassen und Tempel und scheint niemals zu schlafen. Am Ganges führen überall Treppenstufen zum Ufer, wo die Menschen im heiligen Ganges Wasser baden. Die wohl außergewöhnlichsten Orte sind die Ghats. Das sind die offenen Verbrennungsplätze, von denen die Großen jeden Tag in der Woche 24 Stunden in Betrieb sind. Hier werden die Toten gewaschen und auf Scheiterhaufen aufgebahrt. Schließlich werden sie mit dem heiligen Feuer verbrannt und die Asche in den Ganges gestreut. Spezielle Hüter sorgen seit Jahrhunderten dafür, dass das heilige Feuer nicht erlischt. Das Ganze geschieht völlig offen und jeder kann dabei zusehen. Anfangs kommt man sich wirklich vor wie im Mittelalter. Überall brennen Scheiterhaufen, teilweise fallen die abgebrannten Gliedmaßen heraus und werden dann irgendwann wieder von den Arbeitern oben draufgelegt. Zwischen den Scheiterhaufen laufen Kühe herum und vespern die übrig gebliebenen Blumen oder liegen einfach nur in der Asche neben den brennenden Feuern um sich zu wärmen. 

Abendliche Zeremonie am GangesEin Kuh-Kreisverkehr in der StadtWenn man den Verbrennungen eine Weile zugesehen hat, kommt es einem schließlich gar nicht mehr so ungewöhnlich vor. Eigentlich ist es eine schöne und friedliche Beisetzung in der Öffentlichkeit. Obwohl man zuerst meinen könnte, dass überall ein furchtbarer Geruch in der Luft liegt, riecht es einfach nur ganz normal nach Feuer. Es liegt zum Großteil auch daran, dass für die Vernrennung keinerlei Kunststoff verwendet werden darf. Trotz der vielen Menschen, die sich an den Ghats versammeln, ist es dort ziemlich ruhig. Die Orte werden respektiert und dazu gehört auch keine unmittelbaren Fotos zu machen. 
Hinter den Ghats werden überall Waren für die Verbrennungen angeboten. Jede Menge Holz in verschiedenen Qualitätsstufen, Blumen, Tücher und Vieles mehr. Danach beginnt das brodelnde Treiben der Märkte, der Straßenrestaurants und der unglaublich dichte Verkehr. Varanasi ist noch eine echte indische Stadt und weit weniger "weichgespühlt" bzw. weniger westlich, als die vielen anderen indischen Touristen Städte. Die Leute hier sind sehr freundlich und auch deutlich weniger anstrengend, als z.B. in Rajasthan. Abends zeigt sich wieder einmal, wie außergewöhnlich die indische Bikerszene ist. Als sie in einem der Bikerclubs von Varanasi mitbekommen haben, dass zwei ausländische Motorradfahrer angekommen sind, führen sie uns abends kurzerhand in ein ziemlich schickes Restaurant zum Abendessen aus.

Das Kind will kein Bad nehmenDie Kumbh Mela Zeltstadt von der BrückeVaranasi ist zu diesem Zeitpunkt besonders voll. Der Grund dafür ist Kumbh Mela, das größte Festival der Welt im nahe gelegenen Allahabad. Dieses Festival dauert ca. 7 Wochen und findet nur alle paar Jahre statt. 2019 beginnt es in Allahabad am 15. Januar mit dem heiligen Bad Makar Sankranti. Millionen von Hindus tauchen an diesem Tag in den Ganges um sich von Sünden rein zu waschen. Die Festivalfläche in Allahabad beträgt über 30 Quadratkilometer. Laut Internet haben alleine an diesem Tag bis mittags um 14 Uhr bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen ein Bad genommen. Insgesamt werden 2019 angeblich ca. 150 Millionen Menschen erwartet. 
Wir waren am Anfang nicht sicher, ob wir uns das antun sollen. Allerdings hat der Schwiegervater unseres Hotelbesitzers in Lucknow gemeint, er bekäme einen Herzinfarkt, falls wir uns das entgehen lassen würden. Das wollten wir natürlich nicht verantworten.
Da die Preise für die Unterkünfte in Allahabad während der Festival Zeit in schwindelerregende Höhen gestiegen sind, haben wir uns entschieden morgens mit dem Motorrad von Varanasi dort hin zu fahren. 

Ganz vorne am Ganges, wo die Leute ihre Sünden wegwaschenHändler verkaufen FarbenAls wir dort ankommen wird uns ziemlich schnell klar, dass das eine gute Eintscheidung war. Ich habe noch nie ansatzweise so viele Menschen auf einem Fleck gesehen. Man weiß erst nicht, ob man es cool finden oder am Besten einfach wieder wegrennen soll. Für Parkplätze ist überall gesorgt und die Menschenströme werden von den Sicherheitsleuten äußerst professionell über das Festivalgelände geleitet. Es wird ziemlich akribisch dafür gesorgt, dass die Menschen immer nur in eine Richtung laufen um Chaos zu vermeiden. 
Wir scheinen so ziemlich die einzigen Ausländer zu sein und wissen schon nach kurzer Zeit nicht mehr, wie viele Selfies wir an diesem Tag machen mussten. Menschen sind überall soweit das Auge reicht. Auf dem Ganges tummeln sich hunderte Boote vollgestopft mit Leuten. Hubschrauber fliegen über das Gelände und streuen Blumen auf die badende Meute. Die Zeltstadt ist so groß, dass man das Ende, auch von der großen Auto-Brücke über dem Ganges, mit eigenem Auge nicht erkennen kann. Obwohl wir öfters gefragt werden, ist uns die Temperatur an diesem Tag allerdings zu kalt um auch ein Bad zu nehmen. Als dann fast jeder Besucher mit uns ein Selfie gemacht hat und wir unser Motorrad wieder gefunden haben, sind wir dann auch wieder ganz froh aus der Massenveranstaltung herauszukommen und ins etwas ruhigere Varanasi zurück zu fahren.
Zurück in Varanasi bleiben wir dort noch für zwei weitere Nächte. Miriam hatte mich in der Zwischenzeit angesteckt und so kurieren wir uns noch etwas aus. Falls ich das Geröchel und Gerotze ohne Erkältung durchgestanden hätte, wäre ich auch als medizinisches Wunder in die Geschichte eingegangen.

Daheim bei der jungen BikerinDas Patna Saheb Gurdwara bei DunkelheitIn der Zwischenzeit haben die Biker von Patna schon mit uns Kontakt aufgenommen und angeboten uns dort eine Unterkunft zu suchen. Nachdem es uns wieder besser geht fahren wir daher nach Patna, da diese Stadt sowieso auf dem Weg in den Nordosten liegt. Wir treffen uns etwas außerhalb am Bahnhof und werden gleich von fünf Club-Mitgliedern empfangen und mit Blumenketten behängt. Ein Hotel hatten sie bereits reserviert und sie wollen sich sogar am nächsten Tag extra Zeit nehmen, um uns die Stadt zu zeigen. So werden wir also Tags darauf von den Jungs und Mädels durch die Stadt gefahren. Wir erkunden die Altstadt, trinken diverse Chais, laufen am Ganges Ufer entlang und besuchen abends den fantastischen Sikh Tempel Patna Saheb Gurdwara. Wie schon das Taj Mahal, ist auch dieser Tempel komplett aus weißem Marmor gebaut. Sobald es dunkel ist, wird er mit verschiedenen wechselnden Farben angestrahlt. Anschließend werden wir noch von einer jungen Bikerin, welche vor einiger Zeit alleine mit dem Fahrrad durch Indien gereist ist, nach Hause eingeladen. Sie ist ganz aufgeregt und will uns unbedingt kennen lernen, da sie auch irgendwann einmal mit dem Motorrad auf Weltreise gehen will. Ihre Familie ist auch wirklich ganz goldig.
Als wir dann nachts schließlich wieder im Hotel friedlich im Bett liegen, klingelt es plötzlich an der Tür. Ich schaue kurz auf die Uhr - es ist 2 Uhr morgens und ich vermute, dass es sich um einen Scherz oder ein Versehen handelt. Es klingelt weiterhin und schließlich klopft auch noch jemand an der Tür. Schlaftrunken stapfe ich zur Tür, öffne sie und sechs schwer bewaffnete Polizisten glotzen mich an. Sie können kaum Englisch, aber ich verstehe so viel, dass sie nach Alkohol suchen. Wir haben glücklicherweise nichts dabei, aber die Jungs meinen es trotz Uhrzeit wohl ziemlich ernst. Meine "treue Ehefrau" ist auch kurz wach geworden, nachdem ich das Licht angemacht habe. Allerdings dreht sie sich nur um, damit ihr das Licht nicht so ins Gesicht scheint. Auf Unterstützung kann ich wohl nicht hoffen? So stehe ich halt in meinem Nachtgewand (Woolpower Unterwäsche) in der Tür und sechs Augenpaare inspizieren den Raum, bis ich schließlich meine, sie sollen doch einfach reinkommen und das Gepäck näher untersuchen. Das scheint sie letztendlich zu überzeugen, dass sie wohl Nichts finden werden und sie ziehen wieder ab. 
Am nächsten Tag erklären uns die Biker Jungs, dass sich die Polizisten hier wohl so ein kleines Taschengeld verdienen wollen. Im Bundesstaat Bihar ist Alkohol strengestens verboten. Das sagt einem zwar keiner und steht auch auf keinem Schild - vor Strafe schützt das allerdings trotzdem nicht.

Die Biker aus PatnaAm nächsten Tag fahren wir weiter nach Purnia. Die Biker Club Jungs wollen uns unbedingt begleiten und so stehen am nächsten Morgen bereits ein Dutzend Biker vor unserem Hotel und warten auf uns. Als wir unser Hotel bezahlen wollen, kommt die Überraschung. Die Rechnung haben bereits die Biker Jungs komplett übernommen. Das ist wirklich der Knaller, da das Hotel mit Sicherheit nicht günstig war.
Sie begleiten uns für ca. zwei Stunden und lassen uns anschließend alleine weiter ziehen, nachdem wir noch zusammen Mittag gegessen haben.
Auch in Purnia werden wir bereits wieder von einem Biker empfangen. Das ist äußerst hilfreich, da wir bei Dunkelheit ankommen und Purnia alles andere als touristisch ist. Hier ein Hotel zu finden, wäre äußerst mühsam geworden. Da es in Purnia auch nichts Besonderes gibt, fahren wir Tags darauf auch schon nach Siliguri. 
Um nach Siliguri zu kommen, muss man den engen Korridor zwischen Nepal und Bangladesh durchqueren. Es liegt zwar geographisch gesehen bereits im Nordosten von Indien, für die Nordost Inder gehört es allerdings noch nicht dazu. Trotzdem spürt man bereits, dass die Region hier plötzlich ein ganz anderes Indien ist, als der Rest des Subkontinents.

Donnerstag, 10. Januar 2019

Ab in den Süden

In Mumbai wohnen im Ballungsraum knapp 30 Millionen Menschen. Alleine schon deshalb haben wir eigentlich wenig Lust dort Halt zu machen. Wir kommen früh morgens in Mumbai an. Unser Anschluss Bus fährt allerdings erst wieder abends weiter, daher beschließen wir letztendlich doch mit dem Zug in die Innenstadt zu fahren. Unser Gepäck können wir glücklicherweise im Reisebüro zurücklassen, wo unser Bus abends nach Goa weiterfährt.
Die Metrostation ist zu Fuß einfach zu erreichen, aber leider noch im Ausbau. Wir müssen daher ab der Endstation zuerst einmal ein Taxi zur nächstgelegenen Zugstation nehmen, um damit ins touristische Zentrum Churchgate zu fahren. Nachdem wir Tickets gelöst haben, erkundigen wir uns mehrfach bei den Einheimischen, welches der richtige Bahnsteig ist. Der Zug kommt schon nach kurzer Wartezeit. Wir vergewissern uns nochmals, ob das der richtige Zug nach Churchgate ist und bekommen das typische indische Kopfrollen.

Zugfahren an der offenen TürZugfahren in Indien macht Spaß. Man kommt relativ schnell voran und kann an den offenen Türen stehen, während die Landschaft an einem vorbeibraust. Längere Distanzen muss man mittlerweile aber leider Wochen im voraus vorbuchen, sonst bekommt man keinen Platz mehr. Angeblich kann man mit etwas Glück früh morgens an den Schaltern spezielle, für Touristen reservierte, Tickets bekommen. Das war uns allerdings zu unsicher und so haben wir normalerweise lieber kurzfristig die Schlafbusse gebucht.
Nach ca. 20 Minuten Fahrt spricht uns ein Einheimischer an und wir quatschen etwas mit ihm. Letztendlich fragt er uns, wo wir eigentlich hinfahren. "Nach Churchgate" antworten wir. "Ihr wisst schon, dass ihr in die falsche Richtung fahrt?" - "Was! Wir haben doch extra mindestens drei Leute auf dem Bahnsteig gefragt!" - "Das mag schon sein - ihr fahrt aber trotzdem in die falsche Richtung!". Ein kurzer Blick auf das Handy zeigt uns, dass der gute Mann Recht hat. Oh Mann, was soll dieses scheiß Kopfrollen, was offenbar soviel wie "ja", "nein", "keine Ahnung" oder "Leck mich am Arsch" heißen kann?

Links das Gateway of India, rechts das Taj Mahal Palace HotelWir bedanken uns bei dem netten Herrn und verlassen den Zug um wieder in die andere Richtung zu fahren. Obwohl das Ticket fast nichts kostet, sehen wir nicht ein nochmal ein Neues zu lösen. Es geht auch Alles gut und wir stehen nach weiteren 45 Minuten dann endlich in Churchgate.
Churchgate ist der Stadtteil in Mumbai für die indische Oberschicht. Hier gibt es Alles was das Herz begehrt zu Preisen wie bei uns daheim oder noch viel teurer. Wir schlendern etwas durch den Stadtteil und besuchen das Gateway of India, ein gigantisches Tor direkt am Meer und das dahinter gelegene Taj Mahal Palace Hotel. Leider ist zu diesem Zeitpunkt  gerade eine Militärveranstaltung vor dem Monument und so kommt man eigentlich kaum richtig hin. Wahnsinnig außergewöhnlich ist es allerdings sowieso nicht und so machen wir uns langsam wieder auf den Rückweg zum Bahnhof. Abends nehmen wir den Nachtbus nach Süd Goa.
Goa ist Indiens Party Hochburg, sozusagen Indiens Antwort auf den Ballermann in Mallorca und die meisten Geschichten von dort hören sich eher grausig an. Bei meiner ersten Reise nach Indien, hatte ich Goa daher bewusst ausgelassen. Da es aber sowieso auf dem Weg lag und viele Inder gemeint hatten, dass wir dort unbedingt hin müssten, haben wir beschlossen dort doch ein paar Tage zu verbringen. Nord Goa ist angeblich die Super Party Ecke und in russischer Hand. Süd Goa hat den Ruf deutlich ruhiger zu sein. Wir beschließen daher nach Süd Goa, genauer gesagt nach Palolem zu fahren. 
Früh am nächsten Morgen sind wir in der Nähe von Margao, der Endstation für unsere Busfahrt. Der Bus hat sich an den vorherigen Haltestellen bereits ziemlich geleert. Der Assistent unseres Busfahrers reißt plötzlich den Vorhang unserer Schlafkabine zur Seite und erkundigt sich, wo wir aussteigen wollen. Wir haben noch etwas Zeit und ihm ist wohl langweilig. Daher setzt er sich kurzerhand einfach mit zu uns in die winzige Kabine. Was man in westlichen Ländern bereits als Eingriff in die Privatsphäre bezeichnen könnte, ist hier in Indien ganz normal. Natürlich spricht er kaum Englisch und wir müssen uns mit Händen und Füßen unterhalten.

Welch Freude, das Kinder Problem ist gelöst!Er konfrontiert uns mit den typischen Standard Fragen - Herkunft, Familienstand und natürlich letztendlich Kinder. Als er hört, dass wir bereits 9 Jahre verheiratet sind und keine Kinder haben, wird er hellhörig und ist sichtlich verwirrt. Seiner Meinung nach stimmt da etwas nicht und die Sache muss näher erörtert werden. Die Aussage, dass wir keine Kinder wollen, scheint er zu ignorieren oder nicht zu verstehen. Daher bekommen wir zuerst einmal die Grundkenntnisse zum Kindermachen in Zeichensprache erklärt. Nachdem er minutenlang mit seinem Finger auf meinen Unterleib tippt und erklärt, wo man das hinstecken muss, können wir ihm zum Glück schließlich klarmachen, dass wir mit der Theorie durchaus vertraut sind. Nachdem die Theorie geklärt ist, muss seiner Meinung nach vermutlich ein medizinisches Problem vorliegen. Deshalb versucht er herauszufinden, ob das Problem bei mir oder bei Miriam liegt und wieder stupst er dauernd auf meinem Unterleib herum. "Kein medizinisches Problem, du Bachl - wir wissen wie es funktioniert - aber wir wollen keine Kinder und benutzen Kondome!". Plötzlich strahlt er wie ein Christkind - wir sind erleichtert - er hat es wohl letztendlich kapiert. "Kondome?" - er schüttelt den Kopf. "Kein Wunder, so kann das nicht funktionieren. Ihr dürft keine Kondome benutzen, um Kinder zu bekommen!". Er ist sichtlich zufrieden, da er jetzt überzeugt ist das Problem gelöst zu haben. Gleich heute Abend müssen wir versprechen, es ohne Kondome zu versuchen und wir werden sehen, dass es dann auch mit dem Kinder kriegen funktioniert. Wir haben mittlerweile aufgegeben zu argumentieren und hoffen nur noch, dass er unsere Kabine wieder verlässt. Daher sagen wir zu Allem was folgt einfach nur noch "ja". Wir bekommen mehrmals einen Kindersegen und ich werde zu meiner Freude noch viele Male geküsst. Dann verlässt er endlich unsere Kabine und geht wieder vor zum Busfahrer. Kopfschüttelnd bleiben wir zurück - was für eine Freakshow!
Das Kinder Problem hatten wir bereits viele Male zuvor in Zentralasien, wenn auch nicht in diesem Ausmaß. Wir haben uns daher schon überlegt einfach Fake Kinder zu erschaffen. Zwei Fotos aus dem Internet - das ist Hans und Julia, die sind zu Hause bei der Oma - und die Gespräche in diesen Gegenden wären so viel weniger anstrengend.

Unsere angedudelte Bekannschaft in GoaErleichtert verlassen wir das Gefährt und bekommen zügig einen lokalen Bus nach Palolem. Die Haltestelle ist ca. 4 Kilometer vom Strand entfernt. Nach der langen Fahrt und den irrsinnig hohen Preisen der Taxifahrer beschließen wir gemütlich zu laufen. Auf der Hälfte der Strecke essen wir eine Kleinigkeit in einem Restaurant am Straßenrand. Ein ziemlich angedudelter Einheimischer gesellt sich dazu. Er ist zwar besoffen, aber eigentlich ganz nett und weiß eine günstige Unterkunft nahe am Strand. Da sein Motorrad viel zu klein für alle zusammen ist, fahre ich mit ihm vor und anschließend fährt er zurück um Miriam abzuholen. Ganz wohl ist uns beim Zustand unseres Fahrers nicht, aber er hat unbedingt darauf bestanden und es war zum Glück auch nicht mehr sehr weit.
Die Unterkunft ist gut und wir gehen für den Sonnenuntergang noch gemeinsam auf ein Bier, als hätte er nicht schon genug, in eine Strandbar. Eigentlich will er uns am nächsten Tag die Gegend zeigen und mit uns zusammen Angeln gehen. Wir werden ihn aber nie mehr wieder sehen. Vielleicht konnte er sich am nächsten Tag auch nicht mehr daran erinnern oder ist irgendwo im Graben gelandet?
Wir verbringen drei ganze Tage in Palolem. Das Örtchen ist erstaunlich entspannt und von Party zum Glück keine Spur. Der Strand ist ziemlich leer, einigermaßen sauber und für einen Strand in Indien in Ordnung. Einen Traumstrand, wie so viele behaupten, kann man es allerdings nicht nennen. Wir scheinen allerdings Glück zu haben, da wir später noch andere Reisende treffen werden, welche Palolem, aufgrund von unerträglichen Menschenmengen und lärmenden Partys, sofort wieder verlassen hatten.
Eine Besonderheit hier am Strand sind die vielen heiligen Kühe welche sich hier tummeln und ein Sonnenbad nehmen. Das kann man durchaus als ungewöhnliches Strandbild bezeichnen. 

Auch heiligen Kühen gefällt es am StrandDer Strand in PalolemAm Strand gibt es überall Bars wo Alkohol ausgeschenkt wird. Entlang der Staße befinden sich auch etliche Läden die Alkohol verkaufen. Als wir uns das erste Mal mit zwei Bieren Richtung Meer aufmachen, erklärt uns bereits ein Einheimischer, dass das verboten sei. Daher setzen wir uns ganz an das Ende vom Strand, wo niemand mehr anzutreffen ist. Am nächsten Tag sitzen wir direkt am Hauptzugang und einige Inder um uns herum trinken Bier. Wir fragen nach, ob das jetzt doch erlaubt sei. "Natürlich sei das erlaubt!", daher organisieren wir uns auch zwei Flaschen Bier und halten nochmals nach Verbotsschildern Ausschau.
Unser merkwürdiger Strafzettel fürs Bier trinken am Strand
Als wir gerade unser Bier geöffnet haben, steht natürlich plötzlich die Polizei da. "Alkohol am Strand ist verboten, außer in den Strandbars!". Ich schaue mich kurz um - die Inder nebenan bekommen ebenso Starfzettel. Auf meine Frage, woher man das wissen soll, bekomme ich als Antwort, es würden überall Schilder hängen. Ich erwähne, dass ich am Haupteingang zum Strand kein Schild finden konnte. "Doch, doch - die Schilder stehen überall! Aber wir bekommen ausnahmsweise den kleinsten Strafzettel mit nur 200 Rupees (2,50 €)." Etwas genervt bezahle ich die Gebühr und wir fangen an unsere Sachen zusammen zu packen. Der Polizist schaut etwas verwundert und fragt was wir da machen. "Na, den Strand verlassen - es ist ja verboten hier Bier zu trinken!" - "Ja, aber ihr habt ja die Strafgebühr bereits bezahlt. Jetzt dürft ihr für 24 Stunden weiter am Strand Bier trinken. Ihr müsst nur den Beleg aufheben!" Etwas ungläubig schaue ich drein - sind die noch ganz dicht? Der Polizist meint es wohl völlig ernst. Man muss es nicht verstehen, aber das ist halt Indien und so bleiben wir eben weiter sitzen und trinken gemütlich unser Bier.
Später untersuche ich nochmals den Hauptzugang zum Strand. Hier ist wirklich nirgends ein Verbotsschild für Alkohol, sondern lediglich für Rauchen. Bei näherer Betrachtung unseres Strafzettels fällt ebenfalls auf, dass wir einen Strafzettel für Tabak Konsum in der Öffentlichkeit bekommen haben. Man beachte auch das durchgestrichene "thousand" und den Zusatz "only" auf dem Foto. Solche Vorkommnisse sind zwar anfangs etwas ärgerlich, letztendlich kann man aber im Nachhinein darüber schmunzeln und ehrlich gesagt sind gerade diese alltäglichen skurrilen Dinge, der Grund was Reisen in Indien so besonders macht.
Nach einer entspannten Zeit am Meer nehmen wir schließlich den Nachtbus nach Hampi.

Blick auf HampiUnsere Hütte in HampiHampi war damals der Hauptgrund für meine erste Reise nach Indien. Nachdem der amerikanische Kletterer Chris Sharma im Jahre 2003 seinen Film Pilgrimage veröffentlicht hatte, war für mich klar, dass ich dort augenblicklich hinreisen muss. In der Zwischenzeit hat sich in Hampi viel verändert. Damals war es noch ein winziges Dorf mit kaum Touristen, welche zur Verwunderung der Einheimischen von weit her mit seltsamen Betten (Boulder Matten) auf den Rücken, angereist waren. Die Ruinen standen noch überall verfallen in den Bananen- und Reisplantagen und niemand hat sich dafür interessiert. Jetzt laufen Kletterer aus aller Welt herum und auch viele einheimische Touristen haben bereits diese Gegend als Ausflugsziel entdeckt. Bouldermatten kann man überall ausleihen und es gibt sogar Boulder Schulen. Internet und Hotels sind überall verfügbar. Die Ruinen wurden mittlerweile zum Weltkulturerbe erklärt, werden alle restauriert, neu aufgebaut und die einheimischen Häuser teilweise entfernt um weitere Ausgrabungen zu machen. Die ganze Gegend sieht aus wie eine riesige historische Ausgrabungsstätte. 

Toller Ausblick am Hanuman TempelMiriam planscht mit ihrer Freundin Piya aus MumbaiEs wird bereits behauptet, dass das ganze Gebiet zahlungspflichtig werden soll und man zukünftig nur noch in teuren Unterkünften in Hospet übernachten kann. Für die größeren Ruinen darf man als Tourist bereits ordentlich Eintritt bezahlen, aber die andere Flussseite, wo sich mittlerweile hauptsächlich die Touristen aufhalten, ist davon glücklicherweise noch wenig betroffen. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze in der Zukunft entwickelt. Trotz der Veränderungen und des Trubels ist Hampi aber immer noch ein besonderer Ort geblieben. Die weißen Granitblöcke erstrecken sich in alle Himmelsrichtungen soweit das Auge reicht.
Wir haben Glück, dass wir bereits zwei Wochen vor Weihnachten ankommen, da sich die Preise dann plötzlich verdreifachen. Unser Resort Besitzer versichert uns, dass der Preis unserer Unterkunft nicht steigt und so verbringen wir insgesamt drei geruhsame Wochen an diesem Ort. Eine perfekte Zeit um ausgiebig zu relaxen, klettern zu gehen, im Fluss zu schwimmen oder etwas durch die Tempel und Ruinen zu schlendern.

In den Backwaters bei AlleppeyEiner der zahlreichen Kanäle in AlleppeyIm neuen Jahr fahren wir dann noch weiter in den Süden nach Kerala, genauer gesagt nach Alleppey. Diese Gegend ist bekannt für seine Backwaters und wird auch als Indiens Venedig bezeichnet. Viele sehen Kerala auch als eine light Version von Indien und dem können wir durchaus zustimmen. Die Menschen dort sind weit weniger aufdringlich, der Straßenverkehr ist etwas gesitteter und die Landschaft etwas weniger zugemüllt. Man kann sich frei bewegen ohne dauernd fast umgefahren zu werden, etwas kaufen oder Taxi fahren zu müssen. Die Bezeichnung "Indiens Venedig" ist zwar etwas weit hergeholt, aber die kleinen Kanäle und Dörfer in den Backwaters haben durchaus ihren ganz besonderen Reiz. Benutzt man die staatlichen Boote, kann man sehr günstig für 20 Cents den ganzen Tag durch die Kanäle fahren. Wer etwas mehr Luxus möchte, kann auch eines der vielen Hausboote mieten und draußen auf dem Wasser übernachten. Da ist man allerdings schnell bei 130 € am Tag.
Das Klima in Kerala ist schön warm für diese Jahreszeit. Nachts kann man noch problemlos im T-Shirt herumlaufen. Als wir Mitte Januar wieder einen Flug zurück nach Lucknow nehmen, ist die Temperatur dort in der Nacht plötzlich nur noch 8°C. Das Kind bekommt natürlich erst einmal eine Erkältung.