Die Straße von Astrachan Richtung kasachische Grenze ist gut. Nicht weit vor der Grenze muss man eine kleine Gebühr für eine schwimmende Brücke bezahlen und diese überqueren, was die sonst langweilige Fahrt etwas abwechslungsreicher macht. An der Grenze wird man von der bereits gewohnten russischen Freundlichkeit empfangen. Wir werden zum Warten abgestellt, weil man angeblich Rücksprache mit Moskau halten muss, ob wir tatsächlich ausreisen dürfen. Dort stehen wir also mal wieder, wie auch schon bei der Einreise, und warten. Zwei Deutsche mit einem MAN Truck leisten uns dabei Gesellschaft. Eine Stunde später wird uns dann gestattet weiterzufahren. Wir fahren weiter Richtung kasachische Grenze und vorher gibt es eine Brücke mit einer Polizeikontrolle in der Mitte. Von weitem sieht man schon zwei schwer bewaffnete Grenzbeamte. Wir erwarten schon die selbe russische Freundlichkeit beim Empfang, doch stellen fest, dass die beiden Grenzbeamten erst ca. 20 Jahre alt sind und sich freuen ein paar Touristen zu sehen. Sie füllen uns sogar sämtliche Grenzdokumente aus und wünschen uns eine gute Weiterreise. An der richtigen Grenze angekommen geht auch alles ganz flott. Miriam geht als erster zum Grenzhäuschen. Der Beamte greift kurzerhand ihre Hand, zieht sie durch die kleine Öffnung ins Häusschen rein, stellt sich namentlich vor und wünscht ein freundliches "Welcome to Kasachstan". Mir geht es recht ähnlich und nach einem kleinen Plausch woher wir kommen, wie wir heißen und wohin es geht, dürfen wir auch schon weiterfahren. Wir waren definitiv kurz verblüfft - mit so viel Nettigkeit nach Russland hatten wir in Kasachstan nicht gerechnet.

Kurz nach der Grenzkontrolle verwandelt sich die Straße in ein Schlachtfeld. Der Asphalt ist nach ein paar Kilometern kaum mehr vorhanden und von teilweise bis 40 cm tiefen sogenannten Pot Holes durchlöchert. Pot Holes entstehen durch Löcher im Asphalt, wo dann der Wind den darunterliegenden Sand und Staub wegbläst. Die Löcher sind so tief dass man ein kleines Kind darin verstecken könnte. Dementsprechend kann sich jeder vorstellen wie das ungefähr endet, sollte man da mit dem Vorderreifen hineinfahren. Für die Autofahrer ist die Fahrt auf dieser Straße fast noch mühsamer und so fährt jeder die fast 300 Kilometer bis Atyrau zickzack über die komplette vorhandene Fahrbahn. Bis auf die ersten Kamele auf unserer Reise gibt es auf dieser Strecke landschaftlich nicht viel zu sehen und die Temperatur beträgt 39°C. Kurz vor Atyrau wird der Asphalt zum Glück besser und wir erreichen noch vor Einbruch der Dunkelheit die Innenstadt wo wir ein nettes Hostel finden. Wir beschließen einen Ruhetag einzulegen.

Am darauffolgenden Tag verlassen wir das Hostel in kurzen Klamotten um die Stadt zu erkunden. Doch als wir die Hostel Türe öffnen triftt uns ein eisiger Wind. Was ist da passiert? Wir schauen kurz auf den Wetterbericht und die Prognose verspricht 17°C und "Staub". Wir haben also innerhalb einer Nacht einen Temperatursturz von 22 Grad und die Niederschlagsprognose verspricht Staub. Darum beschließen wir uns nochmals neu einzukleiden um die Stadt zu erkunden. Wie wir kurz danach erfahren, bedeutet Staub soviel wie Sandsturm und das Ganze ist bei 17°C wirklich auch noch verdammt kalt. Wir laufen einige Kilometer durch die Stadt, allerdings gibt es in Atyrau nicht wirklich viel zu sehen und der Wind bläst gleichzeitig wie die Hölle. Daher sind wir nicht traurig als wir einige Zeit später wieder im Hostel ankommen. Die Temperatur soll sich die nächsten Tage nicht ändern und dazu ist auch noch Regen angesagt. Wir beschließen daher die lange Strecke über Oral nach Aktobe zu fahren. Die direkte Straße nach Aktobe wird bei Regen quasi unpassierbar.
Die Landschaft Richtung Oral ist extrem eintönig und langweilig, aber das wussten wir schon zuvor. Es geht 500 Kilometer geradeaus nach Norden, aber wenigstens ist die Straße nicht so schlecht wie zwei Tage zuvor. Ab und zu liegt noch eine tote Kuh am Straßenrand, aber sonst gibt es hier absolut nichts zu sehen. Kurz vor Oral entdecken wir eine kleine Grünfläche und fahren ein paar hundert Meter von der Hauptstraße weg um unser Nachtlager aufzuschlagen. Nach vielen hundert Kilometern war das die erste Grünfläche. Doch leider haben sich die Moskitos darüber genauso gefreut wie wir. Den Großteil des Abends sitzen wir also im Zelt um nicht gefressen zu werden.
Am nächsten Morgen fahren wir die letzten Kilometer Richtung Oral um dann nach Osten Richtung Aktobe abzubiegen. Das Wetter ist immer noch kalt, doch wird jetzt auch noch richtig regnerisch und windig. Es ist so kalt, dass wir mit Daunenjacken unter den Regenklamotten fahren müssen. Der blöde Wind bläst uns zudem auch noch fast von der Straße und die fast 500 Kilometer bis Aktobe sind extrem anstrengend. Bevor wir nach Kasachstan gekommen sind, haben alle von extremer Hitze berichtet. Man soll die Strecken mit Bedacht wählen, weil die Hitze unerträglich ist und man auch leicht verdursten kann. Wir sind allerdings eher kurz vor dem Erfrierungstod und zur Flüssigkeitsaufnahme müssen wir nur den Mund aufmachen und Richtung Himmel strecken.
Kurz nach Oral sehen wir das motovierendste Straßenschild der Welt "Schymkent 2000 und irgendwas Kilometer" (nach Almaty sind es dann noch einmal 700 Kilometer) - danke kasachische Straßenbehörde! In Aktobe kaufen wir noch kurz ein und bauen dann wenige Kilometer nach Aktobe wieder unser Zelt auf. Es hat zum Glück kurz aufgehört zu regnen und so haben wir nach einem kompletten Tag mit Regen wenigstens noch einen schönen Sonnenuntergang.
Tags darauf packen wir wieder unser Zelt im Regen zusammen. Uns erwarten über 600 Kilometer Strecke bis Aral. Die Landschaft ist mittlerweile anstatt brauner Steppe zu grüner Steppe geworden, aber das macht es auf Dauer auch nicht spannender. Es regnet immer noch wie aus Eimern, aber der Wind kommt wenigsten schräg von hinten. So brauchen wir kaum Benzin und es fährt sich deutlich angenehmer. Tanken macht jetzt auch endlich Spaß. Der durchschnittliche Benzinpreis ist bei ca. 35 Cent pro Liter.

Gegen Abend kommen wir erschöpft in Aral an und finden ein günstiges schönes Hostel. Aral war einst ein belebter Fischerort bis der Aralsee aufgrund einer Umweltsauerei die seinesgleichen sucht praktisch vollständig verschwand. Massive Bewässerung von Baumwollplantagen in Usbekistan und Kasachstan ließen die Wassermenge um 90 Prozent zurückgehen und der Salzgehalt hat sich teilweise vervierfacht. Zusätzlich sind gigantische Mengen an Pestiziden verwendet worden, welche durch die Austrocknung auf der ganzen Welt verteilt werden. Kurz gesagt die Gegend ist nicht nur ausgetrocknet, sondern auch extrem verseucht. Verglichen wird das Ganze mit der Katastrophe von Tschenobyl, nur dass es aufgrund der Entfernung im Westen eigentlich keinen interessiert. Wen es dennoch interessiert kann das Ganze im Internet genauer nachlesen. Aral ist heutzutage dementsprechend tot, d.h. es gibt eigentlich nichts - selbst die Schiffwracks inmitten der Wüste, welche teilweise noch Touristen anzogen, wurden mittlerweile demontiert und an die Chinesen verkauft.
Wir machen uns daher auch ohne längeren Aufenthalt am nächsten Tag auf Richtung Baikonur. Nach einigen Kilometern entdecke ich eine schöne ausgetrocknete Salzfläche und beschließe für ein paar nette Fotos mit dem Motorrad mitten auf die Fläche zu fahren. Allerdings komme ich nur ca. 20 Meter weit, bis mein Motorrad bis zum Motor im Salzschlamm steckt. Nach 15 Minuten hartem Kampf und abgenommenem Gepäck bekommen wir es wieder befreit - natürlich sieht es aus wie die Sau.
Baikonur ist nach dem Zerfall der UDSSR im Besitz von Kasachstan und wird an Russland verpachtet. Das Kosmodrom ist der größte Racketenstartplatz der Welt und erstreckt sich über ein gigantisches Ausmaß. Den Großteil kann man von dem kleinen Örtchen Baikonur gar nicht sehen, allerdings sieht man angeblich alle Raketenstarts von sämtlichen Plattformen. In das Zentrum von Baikonur und den nahegelegenenen Startplatz kommt man leider ohne Genehmigung nicht rein. Die Genehmigung muss anscheinend Monate vorher bantragt werden und kostet auch richtig Geld. Schade, das wäre sehr interessant gewesen. Wir treffen hier auch noch andere Touristen, die vergeblich versuchen die Anlage zu besichtigen - zwei Deutsche mit Campern und ein schweizer Pärchen Andreas und Andrea. Aufgrund der großen Trauer über den verwehrten Eintritt zum Raketenstartplatz, schließen wir uns den Schweizern an und versorgen uns erst einmal mit Abendessen und Bier. Andreas ist schwäbischer Schweizer mit russischer Abstammung und zu meiner Freude geeichter Biertrinker. Zudem spricht er fließend russisch. Andrea ist richtige Schweizerin, kocht sehr lecker und will vielleicht auch irgendwann einmal geeichte Biertrinkerin werden - da muss sie allerdings noch etwas üben. Wir verstehen uns so gut, dass wir die nächsten 4 Wochen miteinander verbringen werden.

Nach einer schönen Nacht an einem netten Fluß machen wir uns weiter in Richtung Turkistan. Wir fahren einen kompletten Tag ohne besondere Vorkomnisse. Die Landschaft ist mittlerweile zur Wüste geworden, aber wirklich interessant ist sie immer noch nicht. Am übernächsten Tag erreichen wir Turkistan und besuchen das Mausoleum, die bedeutenste Pilgerstätte in Kasachstan. Optisch können wir uns somit schon einmal auf Usbekistan einstellen. Schließlich fahren wir weiter, passieren Schymkent und finden letztendlich einen tollen Platz zum Übernachten an einem Gebirgsfluss. Das eigentliche Highlight ist aber, dass wir zum ersten Mal wieder Berge sehen dürfen. Wir haben tatsächlich nach über 3000 Kilometern Ödnis den nördlichen Teil des höchsten Gebirges der Welt erreicht.
Am nächsten Tag fahren wir nur wenige Kilometer um eine Höhle zu suchen, welche wir allerdings niemals finden werden. Stattdessen enden wir in einem sehr schönen Canyon, wo wir beschließen einen Tag zu bleiben um am übernächsten Tag Richtung Almaty der ehemaligen Hauptstadt weiter zu fahren. Nach einer weiteren Übernachtung erreichen wir letztendlich Almaty. Die langweiligste Strecke unserer gesamten Reise ist geschafft. Ab hier ist die Landschaft wieder interessant. Wir quartieren uns in einem der besten Hostels der Welt ein - dem European Backpacker Hostel. Andrea und Andreas schlafen dort in ihrem Camper und wir im Garten in unserem Zelt. Das Hostel ist schön, die Lage ist gut, der Besitzer ist sehr entspannt und hilfsbereit. Die Gäste dort sitzen alle zusammen, tauschen sich aus, kochen zusammen und gehen abends aus. Vielleicht liegt es auch am Reiseland, aber sowas haben wir bisher noch nirgends sonst gesehen.
Almaty ist sehr groß, aber auch sehr grün. Die Stadt ist modern und auch nicht ganz günstig. Im Hintergrund sieht man immer die hohen Berge, wenn sie nicht gerade von Regenwolken verdeckt sind. Es scheint allerdings recht häufig zu regnen. Allgemein ist man als Motorradfahrer Exot. Überall wird man angehupt oder die Menschen winken aus den Autos. Die großen Trucks hupen einen zum Gruß fast von der Straße und an jeder Ampel fragen die Leute, wo man herkommt und ob man wirklich die komplette Strecke mit dem Motorrad gefahren ist.
Mein Motorrad benötigt eine neue Kette und neue Hinterreifen brauchen beide Motorräder. Almaty ist dafür weit und breit der beste Ort und trotzdem ist es auch hier relativ schwierig Motorradteile zu bekommen. Es gibt hier einfach so gut wie keine Motorradfahrer. Zum Glück sind unsere Motorräder klein und wir bekommen die Teile relativ problemlos. Wir nehmen uns noch einen Ruhetag um die Stadt zu erkunden und einen weiteren Tag um zum Big Almaty Lake zu fahren. Dann machen wir uns auf Richtung Osten zum Altyn Emel Nationalpark.
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