Nachdem wir Almaty verlassen haben fahren wir nach Norden und passieren den Kaptschagai See. Wir decken uns mit Nahrungsmitteln und Bier ein, während Miriam lässig, wie Terence Hill in Nobody, auf ihrem Motorrad liegt und unser Gepäck überwachen soll. Vor lauter Lässigkeit kippt sie natürlich mitten auf dem Parkplatz um und muss von heranstürmenden Taxifahrern gerettet werden. So kann man auch mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Als wir wieder aus dem Laden kommen, steht schon eine Traube Taxifahrer um das Kind herum und macht Selfies. Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile mit den Taxifahrern, machen Fotos und begutachten unsere Motorräder. Zum Abschluss bekommen wir noch einen Talisman geschenkt, welcher uns auf unserer Reise beschützen soll. Anschließend fahren wir an das Nordufer des Sees und finden einen schönen Platz direkt am Ufer. Andreas und ich versuchen noch eine Zeit lang zu Angeln, aber vom Strand aus hält sich der Erfolg leider in Grenzen und so widmen wir uns letztendlich dann doch lieber dem Bier.
Am nächsten Tag fängt es auf dem Weg zum Altyn Emel Nationalpark erst einmal wieder schrecklich an zu regnen. Kurz vor einem wunderschönen Pass, der dann hinunter zum Parkeingang führt, kommt dann zum Glück die Sonne etwas heraus. Miriam ist ziemlich durchnässt, weil sie zu faul war, ihre Regenklamotten anzuziehen. Mit zitternden blauen Lippchen freut sie sich daher besonders, dass es wieder warm wird. Am Parkeingang ist es dann wieder richtig heiß und trocken. Für den Eintritt benötigt man ein Ticket und eine Genehmigung fürs Fahrzeug. Alles ist fast so gut organisiert wie in den USA, nur dass die Straße, sobald man in den Park fährt, für Motorradfahrer richtig schlecht wird - d.h. je nach Ziel über 40 Kilometer Offroad Straße mit übelstem Waschbrett, welches sich mit tiefem Kies und Sandmulden abwechselt. Wir müssen daher deutlich langsamer fahren als alle vierrädrig betriebenen Fahrzeuge. Völlig durchgerüttelt kommen wir nach einer halben Ewigkeit bei Lava Rock an, wo ein paar Russen gerade ihren Reifen wechseln. Die Lavaformationen sind ganz nett, aber der Weg dorthin war die eigentliche Attraktion. Einige Kilometer wieder zurück, finden wir unseren Campingplatz an einer netten Grünfläche mitten in der Wüste. Eine warme Quelle (die nicht richtig warm war) zum Duschen gibt es dort auch, welche mehr oder weniger aus einem großen Rohr besteht, wo das Wasser aus ca. 3 Meter Höhe in einem kleinen Tümpel im Sand platscht. Eigentlich ein sehr schöner Campingplatz, aber wie fast jeder Ort in Kasachstan auch bei den Moskitos sehr beliebt.
Nach dem Frühstück am nächsten Morgen rattern wir die ca. 100 Kilometer zum eigentlichen Highlight des Parks, den Singing Sand Dunes. Die Dünen erscheinen plötzlich wie aus dem Nichts mitten in der kargen Wüstengegend. Der Sand ist extrem heiß und wir haben Mühe bis zum Gipfel der ersten großen Düne aufzusteigen ohne uns die Füßchen zu verbrennen. Einige Touristen schleppen Skier und Snowboards die Düne hoch, doch die Abfahrt schaut wenig spaßig aus. Der eigentliche Name kommt von einem Motorflugzeug-artigem Geräusch, welches entsteht, wenn man die Düne herabrutscht und dabei möglichst viel Sand verdrängt. Das Geräusch ist wirklich beeindruckend und gleichzeitig schwingt der komplette Sand um einen herum mit. Unten angekommen merkt man leider zu spät, dass die Ärsche verbrannt sind, hat keine Lust mehr auf einen weiteren Aufstieg und humpelt zum Fahrzeug zurück. Trotz Brandblasen ein tolles Erlebnis. 60 Kilometer Waschbrettstraße später erreichen wir wieder den Parkeingang und machen uns auf den Weg Richtung chinesische Grenze. Ein Wunder, dass unsere Motorräder nach diesen zwei Tagen nicht auseinander gefallen sind und wir keine Gehirnerschütterung erlitten haben. Das Auto von Andreas und Andrea ist bis ins letzte Eck (sogar die Schubladen) völlig verstaubt, das Klappbett ist nicht mehr bedienbar, der Kühlerrost ist abgefallen und beide A-Säulen sind gebrochen. Nach 6 Monaten Sibirien, Mongolei und Kasachstan war es dann doch zu viel für den alten Fiat Ducato.
Kurz vor der chinesischen Grenze biegen wir dann wieder ab nach Südwesten Richtung Chundzha, wo unsere zwei Schweizer einen Tipp bekommen hatten um ihr Auto schweißen zu lassen. Wir übernachten wieder einmal an einem Fluss an dem wir ausreichend Gelegenheit haben die kasachischen Moskitos zu füttern.
Am darauffolgenden Tag suchen wir die empfohlene Werkststatt in Chundzha und als wir sie schließlich finden, ist diese mehr als urig. Im Hof neben dem eigentlichen Wohnhaus liegen überall Ersatzteile und Werkzeuge herum. Zur Autoreparatur ist einfach eine Grube ausgehoben worden auf die, je nach Spurbreite der Autos, einfach ein paar Bretter aufgelegt werden. Wir werden kurzerhand in die Wohnung gebeten und bekommen, trotz Ramadan, jede Menge zu Essen angeboten. Die Mechaniker machen sich gleich draußen am Wohnmobil an die Arbeit. Leider sind die beiden A-Säulen innen ziemlich vergammelt und können angeblich auf die Schnelle nicht wirklich geschweißt werden. Daher wird alles mit Glasfaserspachtel wieder schön verkleidet und poliert. Das Ganze wird mit äußerster Sorgfalt gemacht, obwohl uns zu dem Zeitpunkt schon klar ist, dass das nicht halten wird. Zwei Stunden später ist alles fertig, kosten tut es praktisch nichts, wir machen noch ein paar Abschiedsfotos und fahren anschließend zu den heißen Quellen die sich ganz in der Nähe befinden sollen. Nach wenigen Kilometern kann man natürlich schon wieder sehen, wie sich die Spachtelmasse an den Reparaturstellen langsam wieder verabschiedet. Das war ganz große Handwerkskunst...
An den Quellen angekommen zieht gerade wieder ein furchtbares Gewitter auf. Leider sind die heißen Quellen alle in Resorts und die meisten haben nur relativ teure Komplettangebote mit Übernachtung und Mahlzeiten. Als wir schließlich ein Resort finden, welches uns eine Stunde baden lässt, fängt es richtig an zu Schütten und wir sind froh zu diesem Zeitpunkt nicht auf dem Motorrad sitzen zu müssen. Das Bad selber ist allerdings nicht besonders einladend. Mehr oder weniger sind es zwei Becken in einer Wellblechscheune in welcher gerade auch noch renoviert und gebaggert wird. Das Wasser ist allerdings schön warm und so sitzen wir etwa eine Stunde im heißen Wasser und hoffen dabei, dass die Scheune nicht vom Sturm weggeblasen wird. Als wir sauber und aufgewärmt das Gebäude verlassen, hat es zum Glück wieder aufgehört zu regnen und wir suchen uns ganz in der Nähe einen Platz zum Übernachten.
Die Wanderung am nächsten Tag zum zweiten See erstreckt sich über insgesamt 20 km. Nachdem man den ersten See hinter sich gelassen hat wird das Gelände zunehmend steiler. Der Wald wurde vermutlich noch nie beforstet. Unzählige Pflanzenarten wachsen wild durcheinander, während ein reißender Bach mit wahnsinnigem Getöse mitten durch den Wald schießt. Neben dem Bach kommt immer wieder Wasser direkt aus dem Waldboden. Es ist klar, eiskalt und perfekt geeignet direkt daraus zu trinken. Nach fast drei Stunden erreichen wir den zweiten See und wie aus dem Nichts erscheint ein Soldat und will unsere Permit sehen. Die habe ich natürlich nicht dabei - kann ja auch niemand wissen, dass man mitten in der Wildnis nach der Permit gefragt wird. Nach einigem Hin und Her sieht der Kontrolleur dann ein, dass er sich eben damit abfinden muss, dass wir keine Permit vorzeigen können. Zum letzten und dritten See darf man nicht mehr weiter laufen. Er liegt zu nah an der Grenze zu Kirgistan und ist zudem noch Trinkwasserreservoir. Nach einer kurzen Vesperpause - die liebe Andrea hat uns nämlich leckere Brote geschmiert - machen wir uns daher wieder auf den Rückweg. Zurück am Camper beschließen wir aufgrund der Kälte und den Moskitos im Inneren zu kochen. Als es bereits dunkel ist, klopft jemand hektisch an der Tür. Ein Mädel aus Hongkong steht davor und will ihr Zelt bei uns aufschlagen, da angeblich Wölfe in der Nähe sind. Da es natürlich unschön wäre, wenn sie gefressen werden würde, helfen wir ihr auch noch ihr Zelt aufzustellen - das hatte sie wohl auch noch nie zuvor gemacht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen